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.Slow Walking 2Die Lage ist kompliziert – aktuell laboriere ich mit einer entzündeten Achilles-Sehne und einer entzündeten Patella-Sehne (das ist das Dings am Knie) herum, was die körperliche Betätigung an sich zunächst einmal relativ schmerzhaft macht – zumindest bei bestimmten Bewegungen, wie z.B. dem Treppensteigen.
Das normale „Spazierengehen“ geht noch ganz gut, jedenfalls, wenn ich es nicht übertreibe und meine, mordsmäßiges Gelände gehen zu müssen – oder, im noch schlechteren Fall: mordsmäßige Geschwindigkeit.
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Bewegung wäre also schon gut – und weil ich mich insgesamt ziemlich eingerostet fühle, hab ich mich an die angenehme Wirkung von Nordic Walking erinnert und vorige Woche die Stöcke wieder einmal aus ihrer staubigen Ecke im Keller hervorgekramt.

Nordic Walking

Letzte Woche also mein erster Versuch, das im Prinzip so wohltuende Nordic Walking wieder anzufangen. Ich hab es mit heftigem Muskelkater (Oberkörper) und einer Verschlechterung der Entzündung an der Achilles-Sehne bezahlt. Ich war zu schnell unterwegs. Schlicht und ergreifend – es war ja auch mit minus 2 Grad ziemlich kalt und ich war darauf angewiesen, mich zügig zu bewegen, um warm zu werden. Heute weiß ich: Handschuhe und ein etwas dickerer Pullover unter der Jacke wären das Mittel der Wahl gewesen.
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Heute also nach Plan der zweite Termin Nordic Walking – der Plan wäre nämlich, mich jede Woche am Montag (weil das ein günstiger Termin ist) direkt im Anschluss an eine sowieso notwendige Fahrt mit meinen Stöcken in den Wald zu begeben und eine kleine Runde zu walken. Als Strecke hab ich mir den Weg rund um das Wildgehege ausgesucht – und heute bin ich es langsam angegangen. Es ging ja schon nicht anders, weil der rechte Fuß immer noch bei jedem Schritt schmerzt. Der entscheidende Wendepunkt war, dass ich die ersten paar Meter losgelaufen bin und aus alter Gewohnheit in mein sonst doch recht zügiges Tempo gefallen bin und prompt die Rückmeldung bekam: AUA!

Tempo drosseln – jetzt heißt es Slow Walking

Ich hab inne gehalten und ganz bewusst das Tempo gedrosselt. Dabei fielen mir jede Menge Dinge ein: Schneckentempo. Schnecken, die sprichwörtlich langsam kriechen und dennoch ans Ziel kommen. Oder dass ich mir erlauben könnte, hier mal etwas NICHT *übers Knie* brechen zu müssen (was ja zumindest thematisch superdupergenau zu meiner schmerzenden Kniesehne passt!). Oder Schritte. Schritte hintereinander zu setzen und sich auf die einzelnen Schritte zu konzentrieren – nicht darauf, möglichst schnell die Runde oder die Dreiviertelstunde oder den Weg hinter sich zu bringen.
.Slow Walking 1
Und schon ein paar hundert Meter später habe ich erstmals so etwas wie Rhythmus gespürt, beim bewusst zeitlupigem Laufen. Die Bewegungen des Nordic Walking konnte ich auf einmal ganz deutlich an mir beobachten – Arm nach vorne bringen, Stock mit geschlossener Faust halten, beim Vorbeiführen an der Hüfte die Hand öffnen, Drehung aus der Schulter heraus.. die Bewegung in der Brustwirbelsäule wurde spürbar, ein ganz neues Gefühl beim Laufen.
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Sonst bin ich einfach bloß losgestolpert, hab mehr oder weniger zügig mein Tempo gemacht, die Gedanken wohlbekannt immer noch im Kopf rumschwurbeln lassen, irgendwann Kurzatmigkeit oder Verspannung im Rücken gespürt – so war das jedenfalls keine wohltuende oder gesunde Bewegung. Viel zu viel Pflichtprogramm.

Fließendes Gehen

Heute in diesem ausdrücklichen Schneckentempo (gefühlt mindestens halb so schnell wie sonst) war auf einmal ein fließendes Gehen da. Und prompt auch ein Ohrwurm vom Chorwochenende – ein Musikstück, das einen sehr schreitenden Puls hat. Die ganze Strecke haben mich die Melodien im Ohr begleitet… das war plötzlich ganz anders.
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Für mich war es eine gute Erfahrung, das langsame Nordic Schleiching. In einer Gruppe könnte ich im Moment ohnehin nicht mithalten. Ob sowas in einer Gruppe überhaupt funktionieren könnte? Sich auf den Langsamsten einzustellen? Ob jeder andere sich darauf einlassen könnte, das Tempo des schwächsten Mitgliedes anzunehmen? Sich bewusst ebenfalls so sehr zu verlangsamen, dass man jede einzelne Bewegung achtsam ausführen könnte und müsste, um ja nicht zu schnell zu werden… es wäre dann fast so wie das Singen in einem Chor. Man müsste sich synchronisieren und gemeinsam kohärent laufen, gleiches Tempo, gleicher Rhythmus, gleicher Puls, Bewegungsmusik. Der Vergleich gefällt mir. Wer weiß? Vielleicht gibt es ja Sportler, die sich das vorstellen könnten und sich zu mir Schnecke dazugesellen würden…

Nordic Schleiching – abseits jeder Leistung

Ich habe im Kopf dann doch noch ein bisschen Wörter gedreht – vor allem die eigentlich sehr geliebte Handy-App „Runtastic“ hat es abbekommen: ich hab sie für mich mal in „Slowtastic“ umbenannt und mir ist bewusst geworden, wie sehr der Leistungsgedanke mich aktuell stört: Gelaufene Kilometer pro Zeit. Leistung. Sammeln, anhäufen, speichern. Mehr, schneller, weiter.
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Ich will im Moment eigentlich überhaupt kein Training für einen Marathon absolvieren. Ich muss nicht wissen, wieviel Strecke ich mache. Mich motiviert das nicht mehr, es setzt mich viel zu viel unter Druck. Wie, im Februar weniger Kilometer gelaufen als im Januar? Oh mein Gott!
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Ich habe runtastic vom Handy gelöscht. Mein Konzept heißt jetzt Slow Walking.
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Mich wird jetzt ein kleiner Handschmeichler beim Laufen im Wald begleiten.
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Eine kleine Schnecke.
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Schneckenförmiger Handschmeichler
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