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Neulich (räusper) – also Anfang August war ich ja in Berlin, um meine Freundin zu treffen und meine Begeisterung über die Prinzessinnengärten habe ich ja schon ausführlicher und bebildert niedergelegt.

Ein weiteres Sightseeing-Ziel auf unserem Kurzbesuch in der Hauptstadt waren die Gärten der Welt in Marzahn…

Das liegt jetzt ein bisschen abseits der üblichen Hauptsehenswürdigkeiten und der Grund, warum wir es ganz gezielt ausgesucht und angesteuert haben, war ein Bericht über den sogenannten „Christlichen Garten“ vor einiger Zeit im Fontblog, der mich so neugierig gemacht hat, dass ein Besuch sogar ein Punkt auf meiner Liste wurde (Nr. 43).

Die Gärten der Welt

Gärten der Welt

Diese Parkanlage ist ein Naherholungsgebiet und auf dem weitläufigen Gelände sind viele thematische Gärten angelegt, die aus aller Herren Länder stammen. Ich zeige hier einfach mal ein paar Impressionen aus den verschiedenen Gärten.

Besonders schön fand ich den Orientalischen (islamischen) Garten.

Schon der Zugang durch die Eingangshalle ist beeindruckend.

Eingangshalle

Der Garten ist ganz in der Tradition islamischer Architektur ringsum durch eine Mauer umschlossen, an den Stirnseiten befinden sich wundervoll gestaltete Brunnengänge.

Wandelgang

Ganz nach den Regeln der islamischen Architektur, die jegliche bildliche Darstellung verbietet, sind alle Bauteile reich mit Ornamenten verziert.

Trinkbrunnen

Beeindruckend ist hier das umlaufende Fries aus Fliesen, in das die einzelnen Suren des Korans eingearbeitet sind – eine grandiose Gestaltungsidee!

Farbfeuerwerk

mediterrane Atmosphäre

Eher langweilig fand ich dagegen den Renaissance-Garten, das war einfach zu glatt und man hat den Bauwerken angesehen, dass sie nachempfunden waren und aus der Neuzeit stammten, es fehlte irgendwie so das „gewisse Etwas“. Die Patina

Renaissancegarten

Renaissance

Das Labyrinth aus Hecken haben wir aus Zeitgründen links liegen gelassen 😉

Ein wirkliches Highlight waren dann aber tatsächlich die Wandelgänge aus gegossenen Worten im Christlichen Garten.
Perspektiven

Worte (nicht nur) aus der Bibel wurden zu Wänden zusammengefügt und formen einen den mittelalterlichen Kreuzgängen der Klöster nachempfundenen Wandelgang.

Wind of Change

Wandelgang

Im Zentrum liegt eine meditative und zugleich skulpturale Wasserfläche.

christlicher Garten

Aber wo ist die Faszination?

Merkwürdigerweise hat mich das alles nicht wirklich total fasziniert, obwohl ich gerade für solche Themengärten schon eher zu haben bin. An einer schlechten Umsetzung kann es eigentlich nicht liegen, das Konzept ist großartig und die Gestaltung bis ins Detail total hübsch. Es war okay, das Wetter war auch nett und man kann doch immer ein bisschen spazieren gehen.

Warum also haben mich die Gärten der Welt nicht so beeindruckt, wie ich es erwartet habe? War meine Erwartungshaltung zu hoch?
Ich habe lange lange überlegt, was der Grund gewesen sein könnte und bin jetzt mit dem Abstand von einigen Wochen auch letzlich darauf gekommen…

Am Vortag hatten wir die urbane Landwirtschaft am Moritzplatz besucht und obwohl beide Gärten einen ganz unterschiedlichen Zweck verfolgen und jeder für sich wahrlich einzigartig ist, haben mir dennoch die Prinzessinnengärten besser gefallen, mehr mein Herz berührt – und das kann nicht daran liegen, dass dort die Kohlrabi spektakulärer in Szene gesetzt wären.

Wilde Lebendigkeit

Nein, nach langer reiflicher Überlegung ist mir das eine entscheidende Quäntchen eingefallen, das den Unterschied ausmacht: Die Prinzessinnengärten waren wild.

Sorry, dass mir kein besseres Wort einfällt, aber die stylishen, hübschen, wunderbaren, wertvollen, grünen und erholsamen Designergärten in der Parkanlage Marzahns waren geschleckt. Glatt. Leblos. Nicht tot, aber leblos in einem übertragenen Sinn. Bitte nicht falsch verstehen, ich war total beeindruckt von der Detailtreue, von der wundervollen Gestaltung, aber dennoch sind mir die Gärten der Welt letztlich nicht so nachhaltig im Gedächtnis geblieben.

Die Prinzessinnengärten sind lebendig, wild, lebhaft, urban, naturnah – und nicht völlig zu Tode gepflegt. Dort gibt es Unkräuter zwischen den Kieseln auf den Wegen und überall wuchert es üppig grün. Ich kann es nicht besser beschreiben, es ist dieses Quäntchen Lebensfreude, Lebendigkeit, das den Unterschied macht … jedenfalls, wenn man die beiden Gärten innerhalb von nur 24 Stunden zu Gesicht bekommt und dann den direkten Vergleich hat.

Lebendigkeit zulassen

Bedeutet das nun, dass man seinen eigenen Garten zu Hause verlottern lassen soll? Ich denke, darum geht es nicht, denn auch die Prinzessinnengärten sind wohlgepflegt und keinesfalls verwahrlost. Es geht mir um die spürbare Lebendigkeit, die sich dann einstellt, wenn die Toleranz gegenüber wilden und angewehten Pflanzen (aka Unkraut) wächst und der Garten die straffen Linien einer Planung  ein wenig überwuchern darf. Das Zauberwort heißt Balance – das Beste aus beiden Welten.

Wann ist Ihnen zuletzt ein bisschen wilde Lebendigkeit aufgefallen? Und was verbinden Sie mit Wildnis? Ich freue mich über Ihre Kommentare!