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Filmszenen werden aus dem Zusammenhang gerissen und es wird damit Propaganda betrieben. Ich finde, dass durch dieses Fleischfresser-Bashing die Übergewichtigen diskriminiert werden.

fleischfresser-bashing

image credit: JaBB bei Flickr

Vor einigen Tagen bin ich über den Link ( http://vimeo.com/73234721 ) zu einem Video gestolpert, in dem die Zustände in der Fleisch erzeugenden Industrie dargestellt werden.

Solche Filme werden oft von Menschen verbreitet, die sich dafür entschieden haben, kein Fleisch mehr zu essen und damit ihre eigenen ethischen und moralischen Gründe untermauern und illustrieren wollen. Ich habe mir das Video angesehen. Ja, die Bilder, die dort gezeigt werden sind schlimm, teilweise finde ich die Szenen wirklich entsetzlich und furchtbar.

Was mir an dem Video allerdings sauer aufstösst sind zwei Tatsachen:

a) Es werden Szenen aus einem wesentlich umfangreicheren Film herausgeschnitten und aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, nur um eine Tatsache zu illustrieren, die ethisch durchaus diskussionswürdig ist.

b) Durch filmische Mittel werden Effekte und Emotionen generiert, die am Ende zur Diskriminierung einer ganz bestimmten Menschengruppe führt.

Zur Klarstellung!

  • Ich will NICHT abstreiten, dass die Zustände in der Massentierhaltung erbärmlich sind und die menschliche Gier nach immer billigerem Fleisch ein Teufelskreis ist.
  • Ich will gerne darüber diskutieren, inwieweit Fleisch essen eine gute oder schlechte Option ist und ich will gerne unterstützen, dass ein jeder für sich selbst zu einer eigenen und für sich vertretbaren Entscheidung finden kann.
  • Ich will mit diesem Artikel lediglich auf die Effekte verweisen, die durch diesen Film entstehen und das möglicherweise gedankenlose Teilen und Weiterverbreiten kritisieren. Vielleicht wäre manchmal doch eine eigene Recherche angebracht.

 

Aber der Reihe nach…

Die Szenen aus dem Film

Im Video werden verschiedene Szenen aus der industriellen Fleischverarbeitung und dem (Alltags)Leben der Konsumenten aneinander gereiht:

  •  Junge Hühner werden mittels Borstenwalzen zusammen gekehrt – mit schnell laufenden Förderbändern gelangen sie in enge Gitterboxen und werden zum Schlachten abtransportiert.
  • Arbeiter(innen) in einer kahlen Industriehalle zerlegen Fleisch – alle tragen pinkfarbene Hygienekleidung und blaue Plastikschürzen. Der Zeitraffer, der für die Sequenz verwendet wurde schafft eine surreale Atmpsphäre, es wirkt, als wären die Arbeiterinnen selbst nur “Ware” in Massenhaltung.
  • Förderbänder liefern neue Tierkörper zum Zerlegen an. Im Hintergrund die zuckenden Akkordarbeiter im Zeitraffer. Abgestumpfte Arbeiterinnen mit immer gleichen Handgriffen. Der Blick in das müde Gesicht einer Asiatin.
  • Kühe auf einer Drehscheibe mit gigantischem Durchmesser. Ebenfalls im Zeitraffer dargestellt. Die Kamera sitzt in einer Einstellung auf der Drehachse, so dass ein wirklich absurder Blick der kreisenden Kühe in der kahlen, Neon-erleuchteten Halle entsteht. Durchnummerierte Melkstände und die prallen Euter der Kühe, die maschinell gemolken werden.
  • Schweinemütter mit ihren Ferkeln. Niedergehalten durch enge Kastenstände und Abferkelbuchten.
  • Geköpfte Schweinekörper, aus denen noch das Blut tropft. Weitere Szenen aus Schlachthäusern: Das Abflammen der Borsten und das Zerlegen und Aufschlitzen von Schweinen, so dass die Gedärme hervorquellen (alles im Zeitraffer)
  • Riesige Kreissägen, die Schweinehälften (Rippen) in handlichere Stücke zerteilen (der Zeitraffer fügt auch hier Geschwindigkeit hinzu) – weiß gekleidete Arbeiter, die die Fleischteile in rote Boxen schichten (koreanische oder chinesische Schriftzeichen an der Wand)
  • Nahtlos die Blende zum Kassenbereich eines Supermarktes – aus der Vogelperspektive, so dass die Mengen an Leuten und das Gewusel an der Kasse auch richtig deutlich wird. Alles immer noch im Zeitraffer gefilmt, so dass es auch wirklich wie im Bienenstock aussieht. Menschen, die hektisch die Waren in großen Mengen in die Einkaufswägen schlichten.. Küchenrollen, Toilettenpapier, Getränke, kartonweise Obst, Gemüse und zu guter Letzt auch abgepacktes Fleisch…
  • Nahtloser Schwenk in eine Hamburger-Braterei, in die Küche eines Fast Food Restaurantes. Im Zeitraffer gefilmte Menschen beim Zubereiten der Burger und Gäste, die im vollen Restaurant essen. Im Vordergrund: Ein Tisch mit drei sichtlich übergewichtigen Menschen. Der Zeitraffer wirkt, als würden sie die Burger nur so in sich hineinstopfen.
  • Dann wieder im Normaltempo: ein Chirurg malt mit Filzstift einen blauen Strich auf einen ziemlich dicken Männerbauch, muss am Ende die “Fettschürze” anheben, um bis zum Schambein weiter markieren zu können.

Was ist an den Szenen dran?

Eigentlich finde ich ja nur eine Szene nicht wirklich zum Thema passend…

Der Melkstand

Aus meiner Kindheit kenne ich die kleinbäuerliche Rinderhaltung in einem Anbindestall. Mit Ketten um den Hals stehen die Kühe jahrein, jahraus und Aufstehen und Hinlegen sind die einzigen Bewegungen, die diese Kühe haben. Zum Fressen werden sie in ein enges Gitter gezwängt. Da haben es die im Film gezeigten Kühe im Laufstall deutlich besser getroffen.

Natürlich ist es eine grundsätzlich ethische und moralische Frage, ob man Kühe schwängern muss, ihnen dann das Kalb weg nimmt und sie monatelang melkt. Das ist die grundsätzliche Frage nach dem Sinn des Milchtrinkens. Aber wer hier aufschreit, muss bitteschön auch den Latte Macchiato weglassen.

In der Milchwirtschaft gibt es einen unbarmherzigen Umgang mit der Leistungssteigerung der Milchmenge bei Kühen. Auf den Bauernhöfen hängen manchmal noch an den Stalltüren die rostenden Blechplaketten aus dem vorigen Jahrhundert, mit 2.500 kg oder auf jüngeren Blechschildern auch einmal 5.000 kg Milch pro Kuh und Jahr… Werte, die heute schon längst nostalgisch sind – wir sprechen mittlerweile auch schon mal von 12.000kg Milch pro Kuh und Jahr.

Die unbarmherzige Ausbeutung der Tiere ist anzuprangern, jedoch ist ein automatisierter Melkstand in einem ansonsten recht großzügigen Laufstall das wirklich kleinste Übel.  

Unverständnis

Wenn ich die restlichen Szenen zu den unmenschlichen Zuständen in der industriellen Fleischverarbeitung noch als schockierend und unnötig verstehe und so stehen lassen kann – so kocht in mir jedoch der Zorn angesichts dessen, wie in den Szenen mit den „Fleisch-Konsumenten” umgesprungen wird und so ein diskriminierendes Bild einer ganz bestimmten Bevölkerungsgruppe entsteht: der Übergewichtigen.

Diskriminierung der Übergewichtigen

Ob der dicke Mann, der vor dem Chirurg steht, seine Wampe tatsächlich ausschließlich vom Fleisch bekommen hat?

Oder war da vielleicht auch teilweise völlig vegetarisches Bier im Spiel?

Hat er gar eine unerkannte Gluten-Unverträglichkeit oder die Wampe ist eigentlich eine Weizen-Wampe??

Die Ursachen für Übergewicht sind dermaßen vielschichtig, dass ich es als Frechheit empfinde, einfach mal platt allen Übergewichtigen zu unterstellen, sie wären alleine(!) Schuld an dem maßlosen Fleischkonsum der Menschheit.

Ich selbst habe ein dreiviertel Jahr lang ausschließlich vegan gegessen – es war die Empfehlung einer Heilpraktikerin. Ich habe kein einziges Kilogramm an Übergewicht dadurch verloren, bin aber mit allen meinen Diätversuchen immer mehr in Stress und unter Druck geraten. Ich finde es immer unerträglicher, dass diese Botschaft den Übergewichtigen um die Ohren gehauen wird:

“Ihr fetten Übergewichtigen, seid endlich mal disziplinierter, fresst nicht soviel Fleisch und nehmt endlich ab”

– und das ist der eigentliche Grund für meinen Zorn.

Möglicherweise sollten sich viele einfach mal das Buch “Mythos Übergewicht” zu Gemüte führen, dort werden noch ganz andere Zusammenhänge zum Thema Übergewicht erläutert – Zusammenhänge, die eher mit Cortisol, Stress und Gehirnforschung erklärt werden.

Vielleicht wäre auch das Buch “Lizenz zum Essen” eine gute Lektüre, in dem unter anderem angeprangert wird, wie sehr eine Normung von Gewicht und Körpermaßen (Stichwort BMI) dazu führt, dass Übergewichtige immer mehr diskriminiert werden und das Essen immer zwanghafter und immer weniger lustvoll wird.

Man könnte beispielsweise darüber diskutieren, welchen Einfluss Fernseh-Formate wie “Germanys next Topmodel” auf das Körperbild nicht nur der jungen Mädchen haben oder ob es wirklich nötig wäre, dass es Krankeitsbilder gibt, die “Orthorexie” heißen – die zwanghafte *richtige* und *gesunde* Ernährung.

Das Verhältnis zwischen Nahrung, Essen, Körperwahrnehmung und gesundem Menschenverstand wird immer mehr verzerrt und immer absurder.

Ist es wirklich nötig, dass alles Übel und alles, was in Ernährungsdingen schief läuft ausgerechnet den Dicken angehängt wird? Das ist Diskriminierung pur.

Ob die Nicht-Fleischesser wissen, dass sie sich durch gedankenloses Weiterverbreiten solcher dieses einen Videos (unbewußt) zum Gutmenschen aufschwingen wollen? Ihre Hände in Unschuld waschen wollen? Ist das reine Gewissen wirklich rein, weil ja laut Film die bösen Dicken die Schuldigen sind? Man selber isst ja kein Fleisch mehr, also ist man aus der Verantwortung raus?

Leider nein – in diesem speziellen Fall denke ich: „Tiere gerettet, aber die Würde des Mitmenschen in den Dreck getrampelt.“

…und damit nicht genug, es gibt noch einen dritten Kritikpunkt an dem Video:

Den eigentlichen Zusammenhang zerstören

Völliges Unverständnis hat mich aber befallen, als ich recherchiert habe, was denn der Film, der im Abspann als Quelle genannt wird, EIGENTLICH will:

“Samsara” ist als visuelles und künstlerisches Gesamtkunstwerk gedacht. Samsara will ein Bild der Menschheit zeigen (unbedingt hier den Trailer zum Film anschauen!) – und unter diesem Gesichtspunkt sind plötzlich viele der vorher grotesken Szenen durchaus ästhetisch anzusehen. In der Beschreibung zum Film heißt es:  „Die Kamera verdeutlicht die Gegensätze und Spannungsverhältnisse, die unser Dasein heute bestimmen.“ Jetzt wird auch das filmische Mittel des Zeitraffers nachvollziehbar, der den Szenen eine Allgemeingültigkeit und Endlosigkeit verleiht. Die filmischen Effekte werden auf einmal sinnvoll und ideal für die eigentliche Intention des Filmes:

Samsara ist ein Wort aus dem Sanskrit und bedeutet:

Das sich ewig drehend Rad des Lebens.

 

Fazit

Gerade auch die verstörenden Szenen gehören zum Bild der Menschheit. Möglicherweise ist es sogar sinnvoll, die oben aufgezählten Szenen aus dem Zusammenhang zu reißen, ein eingedampftes Video per schnellen Klicks durch die Landschaft der sozialen Medien zu jagen – um vielleicht ein Nachdenken über das eigene Essverhalten zu provozieren und hoffentlich einmal der Gier nach Fleisch und der Maßlosigkeit im Konsum ein Ende zu bereiten.

Was aber gar nicht geht, ist eine Schuldzuweisung für die Umstände alleinig an die Gruppe der Übergewichtigen. Das ist pure Diskriminierung. Hier hat der Film der Videoclip verfehlt, was guter Journalismus leisten muss: echte Aufklärung.